Aus: sh:z-Tageszeitungen

Sylt-Fotograf aus Leidenschaft

14.02.2013 | 11:26 |

Gerhard Nowc

Mit seinen Bildern setzte Bleicke Bleicken der schönen Insel ein Denkmal. Ausstellung im Heimatmuseum

Keitum/Sylt Neben seiner Familie war Sylt seine große Liebe, der er – ihrer Landschaft, ihren unvergleichlichen Perspektiven und ihren Menschen – mit wunderschönen Fotos ein Denkmal setzte: Bleicke Bleicken, Insulaner, Lehrer, Bürgermeister und Fotograf aus Leidenschaft. Das Sylter Heimatmuseum in Keitum zeigt eine beeindruckende Sammlung dieser Fotos. In einer Serie wird die Redaktion ausgewählte Fotos vorstellen und ihre Geschichte beschreiben.

Die Ausstellung im Keitumer Museum ist wie eine Rückkehr. In dem beschaulichen Ort wurde Bleicke Bleicken 1898 geboren.   Schon als Kind, weiß die Tochter Anke Bleicken zu berichten, hatte er den Wunsch, Bilder zu machen. Das Zeitalter der klobigen Plattenkameras hatte Bleicken noch mitbekommen, Mittelformatkameras eroberten den Markt, waren aber auch wenig handlich. Die Zeit der praktischen Rollfilmkameras sollte erst noch kommen.

Wegen der hervorragenden technischen Möglichkeiten (hohe Auflösung) blieb Bleicken dem Mittelformat treu. Doch wie lernte ein junger Mann auf einer abgeschiedenen Insel das Fotografieren? Ein zentraler Punkt in seinem Leben war das von Bleickens Eltern bewirtschaftete Hotel „Friesenhalle“. Hier gehörte eine Reihe von Künstlern zu den Gästen, die sich gegenseitig ihre Werke zeigten. Hier war der junge Mann Zaungast, nahm in sich auf, wie die Künstler ihre Motive sahen, hörte den Diskussionen zu über Bildaufteilung, Licht und Schatten – und lernte begierig. Es gibt Anzeichen, dass Bleicken auf einen anderen Großen der Fotografie in der „Friesenhalle“ traf: Theodor Möller.

Im Alter von 16 Jahren setzte zunächst die Ausbildung als Lehrer einen anderen Schwerpunkt. Der Militärdienst und englische Gefangenschaft hinderten ihn daran, seinen Lebensweg nach eigener Vorstellung zu gestalten. 1923 kam Bleicken zurück nach Keitum. Die einigermaßen gesicherte Position als Lehrer ließ Raum für die Leidenschaft „Fotografie“. Die Kameras Voigtländer Bergheil und   Zeiss Ikon Kolibri waren das praktische Mittel zum Zweck. Bleicken schulte sein Auge: Bildbände von namhaften Fotografen füllten die heimischen Bücherregale. Viel Wissen zog er aus dem Fachblatt „Photo Technik“, für das er später selbst schrieb.

Was wählte Bleicken als Motive? Die Bilder des beschaulichen Keitum, in dem Bleicken aufwuchs und als Junge die Umgebung eroberte, findet sich in den Bildern: die ruhige Bucht am Grünen Kliff. Die Kinder, die in dieser Bucht mit Brettern über den Schlick rutschten – sah sich der Fotograf selbst, als er diese Bilder aufnahm? Oder die Jückersmarschbrücke, wichtig für den Fußweg an der Küste, aber so klapprig, dass es den Betrachter ämüsiert.

Die Fotos, die in der Sylter Landschaft entstanden, sind Kunst, haben in ihrem grafischen Ausdruck etwas Meditatives: Das Spiel von Licht und Schatten in einer Buhne. Wer es selbst einmal versuchte, weiß, wieviel Geduld und Konzentration es kostet, eine Welle im richtigen Moment zu fotografieren – wenn die Gischt spritzt und zugleich im Sonnenlicht strahlt.

Vielen Menschen der alten Insel hat Bleicke Bleicken ein Denkmal gesetzt. Es sind die knorrigen Gesichter, die Frau mit den Schafen, vor der sich die Kinder fürchteten. Die Kinder selbst, die Bleicken fotografierte  wirken auf den Bildern so behütet wie die Rabauken in den Pippi-Langstrumpf-Filmen.

So erhielt das alte Sylt ein Denkmal. Nur selten waren die Phänomene der neuen Zeit ein Bild wert. Sieben Jahre war der Hindenburgdamm alt, bis Bleicken einen Zug in Fahrt aufnahm.

Die Sylt-Urlauber, die Insel, Sonne und Wasser genossen, waren ein gern genommenes Motiv. Manche Szene passte hervorragend in die Bild-Vorträge, die vor Urlaubern gehalten wurde. Einige Bilder werfen allerdings die Frage auf, ob sich Bleicken, der das harte Leben auf der Insel kannte, nicht über die neumodischen Errungenschaften im Stillen lustig machte, wie vielleicht die Horde Urlauber, die Frühsport am Strand zelebrierte.

Eines kam Bleicke Bleicken nicht vor die Linse: Der rücksichtslose Wandel der Insel zur Hochburg des Tourismus. Ihm, der sich immer der Schönheit der Insel verschrieben hatte und der sich als Bürgermeister Kampens für den Schutz des Ortsbildes einsetze, musste die Betonierung der Landschaft, der endlose Bau von Ferienquartieren in der Seele weh getan haben.

Bleicke Bleicken starb 1973. Seine Tochter Anke bewahrt die Sammlung von 4000 Glasplatten, Negativen und Dias auf und pflegt die Erinnerung an diesen Inselfotografen mit Leib und Seele.


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