Aus: Der Nordschleswiger

Hanne hilft, wenn nichts mehr geht

21.02.2013 | 14:47 |

Ruth Nielsen

Sonderburgs Straßenkrankenschwester hat ein Herz für die Schwächsten, und ihre Hilfe wird dankend angenommen

Ein Nutzer des Missbrauchsschuppens hat ein Gemälde für Hanne gemalt und ihr einen persönlichen Dank auf die Rückseite geschrieben.

sonderburg/sønderborg .Hanne Jørgensen ist Krankenschwester. Aber ihr Büro am Brorsonsvej ist so überhaupt nicht der sonst so  sterile Arbeitsplatz einer Krankenschwester. An der Wand hängen keine Plakate mit den Aufforderungen,  entweder mehr Früchte zu essen oder sein Kind zeitig impfen zu lassen. Und es riecht auch ganz und gar nicht nach Alkohol oder anderen Desinfektionsmitteln.

„Hier riecht es nach Katzenfutter. Ich habe hier einen ganzen Sack stehen. Den hat mir ein Mann vorbeigebracht, dessen Katze gestorben ist. Nun vermittle ich das Futter an einen anderen weiter“, erklärt Hanne Jørgensen lachend.

Nicht wie die anderen

Wie der aufmerksame Leser wohl schon bemerkt hat, ist  Hanne Jørgensen  keine gewöhnliche Krankenschwester. Die 47-Jährige  ist seit zwei Jahren Sonderburgs sogenannte Straßenkrankenschwester, und ihre Aufgabenbereiche und nicht zuletzt auch ihr Arbeitstag unterscheiden sich grundlegend von denen ihrer Kollegen.

Ihr Tag beginnt um 8 Uhr im Büro  mit Brötchenschmieren – nicht für sich, sondern für die  Nutzer des Missbrauchertreffpunkts am Rønhaveplads. „Wenn ich hier im Büro bin, lasse ich immer die Tür offen. Dann können die Leute einfach bei mir vorbeischauen und ein bisschen plaudern, erzählt

Hanne. Die, die vorbeikommen, sind  zum großen Teil  Drogenabhängige und die, denen der Teufel Alkohol das Leben verdorben hat.  Links neben der Tür in Hannes Büro steht auch ein großes Regal mit  Kanülen, Seife, Kondomen, Zahnpasta und Zahnbürsten. Da können sich die Leute selbst versorgen.

„Und ich schau ihnen nicht auf die Finger. Sie können sich nehmen, was sie brauchen“, erklärt die Straßenkrankenschwester, die den Leuten grob skizziert mit allem hilft, nur nicht mit der Behandlung ihres Missbrauchs. Das ist Sache der Kollegen im Suchtcenter.

Und doch hat gerade Hannes Einsatz viel mit der Gesundheit gerade dieser Gruppe zu tun, die oft von allen aufgegeben worden sind. „Je mehr Chaos um sie herum herrscht, desto mehr flüchten diese Leute vor der Wirklichkeit“, weiß Hanne Jørgensen. Deshalb steht sie  bei Dingen wie Umzügen, Arztbesuchen, Terminen bei der Kommune und anderen Formalitäten zur Seite. 

Neue Zähne und Tierarzthilfe

Erster Stopp des Tages ist der Schuppen am Rønhaveplads, wo alter Zigarettenrauch sich tief ins Holz geätzt hat. Die ersten  Nutzer sind schon eingetrudelt und einer hat auch bereits den Fußboden gefegt.

„Es geht hier abends ja manchmal hoch her. Aber ordentlich wollen sie es trotzdem haben. Hier bleibe ich immer zu einem kleinen Schnack über dies und jenes.  Sie folgen ja auch mit, was sonst so passiert“, sagt Hanne, die mit ihren  Leckereien schon erwartet wird. Einer von ihnen ist Brian – Dixen – Petersen.  Er beißt in ein Brötchen. Das hätte er früher nicht gekonnt. „Ich hatte Parodonthose, und zuletzt waren nur noch zwei Zähne nach.  Doch Hanne hat mir geholfen“, erklärt Dixen und präsentiert mit einem breiten Lächeln  zwei perfekte  Zahnreihen. Er ist nur einer von bislang 35 Personen, die mit Hannes Hilfe mit neuen Zähnen wieder normal essen können und nicht zuletzt auch selbstsicherer geworden sind. Bei dem Zahnarztprojekt übernimmt die Kommune die Kosten und zieht dann anschließend jeden Monat einen vereinbarten Betrag von der Unterstützung des jeweiligen ab.

„Ohne diese Ordnung würden viele niemals ihre Zahnprobleme los“, weiß Hanne, die außerdem in Zusammenarbeit mit Dyrehospitalet Sønderborg ein ähnliches Tierarztprojekt gestartet hat.  Sie organisiert auch eine Antiraucherkampagne.

Im Schuppen hat sie schon so manches entdeckt: Fingerbrüche, Entzündungen, Läuse, Tuberkulose, zu hoher oder zu niedriger Blutdruck. „Alles habe ich hier schon gesehen“, meint Hanne, die dann auch die Kranken zum Arzt  oder ins Krankenhaus begleitet. Jeden Freitag bietet sie  verschiedene Messungen an.

„Und die Leute hier sind genauso interessiert an ihren Zahlen, wie alle wir anderen“, stellt die Krankenschwester fest. Viele meiden ihren Arzt aus Angst vor schlimmen Diagnosen und fühlen sich generell unwohl Autoritäten gegenüber. Aber wenn Hanne dabei ist,  geht alles viel leichter.

Nicht ernst genommen

„Wenn ich bei der Kommune bin, dann nimmt man mich nicht richtig ernst. Einmal fand Hanne heraus, dass ich 7.000 Kronen zugute hatte. Ich fühle, dass man mir einfach nicht die Wahrheit sagt“, meint Dixen. Hannes nächster Halt ist Kirkens Korshær, mit dem sie eng zusammenarbeitet.

Kirkens Korshær hilft ihr u . a. bei den Umzügen der Süchtigen. Da sie ja gerade wegen der fehlenden Miete auf die Straße gesetzt wurden, haben sie für einen Umzug natürlich auch kein Geld.  Wer in eine leere Wohnung kommt, kann sich für einen bestimmten Betrag ein paar Möbel in der großen Halle von

Kirkens Korshær aussuchen. Auch hier können sich alle mit ihren Problemen an Hanne wenden. Eine junge Frau, die sich Sorgen um ihren alkoholisierten  Freund macht, lässt sich unter vier Augen beraten und kann später wieder lächeln.

Immer erreichbar

Hanne Jørgensen hat eine klassische Krankenschwesternausbildung absolviert und hat früher in einem Krankenhaus und in der Heimpflege gearbeitet.

„Aber ich wollte schon immer mit den sozial Schwachen arbeiten“, erklärt Hanne, die seit nunmehr zwei Jahren rund um die Uhr für diese Gruppe zuständig ist. Hannes „Hausbesuche“ konzentrieren sich auf Sonderburg, sie fährt  ab und an  aber auch z. B. nach Guderup und Gravenstein. Aber da alle heutzutage ein Handy haben,  melden sich viele auf diesem Wege.  Nicht selten ist Hanne auch am Wochenende unterwegs.

„Man kann ihnen ja nicht sagen, dass sie nur zwischen 8 und 16 Uhr Probleme haben dürfen. Dann muss ich eben zu anderen Zeitpunkten frei machen“, meint Hanne, die ihren Job und auch einen Alltag mit Familie und Kindern unter einen Hut bringen muss.

Aber sie genießt ihre Arbeit.

„Man kann ganz vielen helfen. Sie sind alle nett und intelligent. Begegne ihnen auf gleichem Niveau und behandle sie gleichwertig, dann kommt man richtig weit. Und sie sind einfach so dankbar“, so die Krankenschwester.


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